Erde ohne Salz
Ein junges Paar sitzt eng aneinandergelehnt auf einer Bahnhofsbank vor einem großen Plakat des Romans „Erde ohne Salz“ von Volker Hagemeyer

Roman

Erde ohne Salz

Volker Hagemeyer

Eine Kindheit am Rand des Moores. Eine Liebe, die nicht sein darf. Und der stille Wille, dennoch nach dem Glück zu suchen.

Erschienen am 21. September 2026 bei tredition · Hardcover und E-Book

Buchcover „Erde ohne Salz“ von Volker Hagemeyer: ein Paar im Nebel über einem Moor voller Wollgras

Über das Buch

Zwischen Moor und Heide

Norddeutsche Tiefebene, frühes 19. Jahrhundert. Eine Welt zwischen zäher Rückständigkeit und zaghafter Erneuerung. Den kargen Böden ringen die Menschen ihr Überleben ab.

Hier wächst Charlotte auf, Kind armer Heuerleute in einem einsamen Dorf am Moor. Ohne Schule, ohne Aussicht – doch mit einem unbeugsamen Willen. Sie trotzt Standesschranken, Armut und Schicksalsschlägen. Ihre Existenz steht am Rande des Abgrunds.

Früh begegnet sie dem Sohn eines wohlhabenden Händlers. Zwischen ihnen entspinnt sich eine tiefe, widersprüchliche Liebe – fragend, bedroht und verboten.

Erde ohne Salz ist eine mitreißende Lebensgeschichte über Hunger und Krankheit, Demütigung und den harten Kampf um Würde. Vor allem aber erzählt der Roman von Hoffnung, Sehnsucht und der stillen Kraft des Menschen, das Glück zu suchen.

Leseprobe

Männer in schwarz

Aus dem ersten Teil des Romans

Die Bauersfrau erwartete die Kinder bereits am Hoftor, als hätte sie geahnt, dass sie kommen würden. Charlotte berichtete ihr mit klarer Stimme vom Tod der Mutter. Die Bäuerin hörte zu. Erst stand ihr der Mund offen, dann entrang sich ihr ein unverständlicher Laut. Sie verbarg das Gesicht in den Händen. Ihre Schultern zuckten. Mit Lene und Gerke hatte sie zwei verlässliche Heuerlinge verloren und nun standen zwei Kinder schutzlos vor ihr.

„Kommt hinein“, sagte sie leise. „Ihr habt sicher noch nichts gegessen.“

Sie stellte Brot, Suppe und Milch auf den Tisch. Dann fügte sie hinzu: „Ich kümmere mich um das Begräbnis, wie beim Vater. Bleibt vorerst hier. Ich gehe ins Dorf und spreche mit den Leuten.“

Die Kinder saßen lange schweigend da. Das Brot blieb unberührt, die Suppe wurde kalt. Ihre Tränen waren kaum zu hören.

Als die Bäuerin zurückkehrte, war ihr Gesicht gefasst.

„Ihr bleibt heute Nacht hier. Ich lasse euch nicht allein mit der Toten.“

Im Gesindezimmer legten sie sich auf das Strohbett und schliefen zum ersten Mal seit Wochen tief und traumlos bis es wieder hell war.

Am Morgen fuhr Charlotte hoch. „Die Ziegen. Wir müssen sie füttern.“ Hastig zog sie sich an.

Luise kam hinein, noch mit der Morgenhaube. „Wir gehen gleich zu eurem Haus. Ich habe Brot und Käse mitgenommen.“

Vor dem Haus standen bereits Männer in schwarz, gedämpfte Stimmen, Hüte in den Händen. Charlotte erkannte den Pastor, den Arzt und den Tischler. Der Mann im strengen Gehrock war ihr fremd.

Es war Amtsrat Konrad Meyering. Er begann ohne Umschweife: „Nachdem der Arzt Doktor August Buddenbohm den Tod der Lene Heinies, geborene Greve, bestätigt hat, ist festzustellen, dass für die Kinder Charlotte Heinies, geboren 1808, und Hermann Heinies, geboren 1809, ein Waisenverhältnis besteht.“

Er schlug ein Schreibbuch auf. „Wo befinden sich Geld oder Wertgegenstände im Haushalt?“

„Es gibt kein Geld“, sagte Charlotte sofort. „Wir sind arm.“

Die Männer sahen zu Hermann. Charlotte gab ihm ein Zeichen zu schweigen. „Sag nichts“, dachte sie. „Sonst nehmen sie uns noch das Letzte.“

Doch er hielt den Blicken nicht stand. Zögernd deutete er hinter das Strohbett.

Der Amtsdiener hob eine lose Diele an und zog eine kleine Holzschatulle hervor. Darin klirrten dunkle Groschen. Alles, was Lene hatte zurücklegen können.

Das Geld wurde gezählt und notiert. Dann meldeten die Anwesenden ihre Forderungen an.

Der Arzt nannte sein Honorar. Der Tischler die Kosten für Sarg und Begräbnis. Die Bäuerin verwies auf die Lehnschuld. Auch der Amtsrat setzte eine Gebühr an.

Die Schatulle leerte sich. Am Ende blieb nichts.

„Der Besitz der Kinder wird mit Null protokolliert“, erklärte der Amtsrat. „Haus und Land fallen an den Lehnsherrn Christian Kampe zurück. An beweglichem Gut verbleiben Tisch, Stühle, Kochgeschirr, drei Ziegen, einige Hühner und Vorräte.“

Er wandte sich an die Bauersfrau. „Können Sie das verwenden?“

„Ja. Die Tiere für den Hof, der Rest für das Gesinde.“

Der Amtsrat nickte. „Gibt es Verwandte?“

Der Pastor schüttelte den Kopf.

„Frau Kampe, sind Sie bereit, die Kinder aufzunehmen?“, fragte der Amtsrat.

Die Bauersfrau zögerte. „Nein. Unser Hof hat schlechte Böden. Wir sind frei, aber tragen Schulden beim alten Gut, von dem wir den Hof kauften. Selbst haben wir schon sechs Kinder“.

„Dann setze ich eine Frist von sieben Tagen. Meldet sich niemand, kommen die Kinder ins Waisenhaus.“

Das Wort Waisenhaus trieb Luise Kampe den Schrecken ins Gesicht. Bilder stiegen in ihr auf: Man munkelte von Hunger, harter Arbeit, Züchtigung und Gewalt, über die man nicht spricht. Kinder, die dort hinkamen, kehrten meistens nie zurück.

Charlotte blieb die Luft weg. Auch sie hatte schon von solchen Dingen gehört.

Wie es für Charlotte und Hermann weitergeht, erzählt der Roman.
Zum Buch

Porträt von Volker Hagemeyer

Über den Autor

Volker Hagemeyer

Volker Hagemeyer, Jahrgang 1966, hat sich sein Leben lang mit der Geschichte seiner Heimat im nördlichen Ostwestfalen beschäftigt. Die Erzählungen seiner Eltern und seiner Großmutter, die selbst im bäuerlichen Milieu aufwuchsen, weckten früh sein Interesse am harten Leben der Heuerleute, die im 19. Jahrhundert den Moor- und Heideflächen eine karge Existenz abrangen.

Die Idee zu diesem Roman begleitet ihn seit vielen Jahren. Erste Entwürfe zu „Erde ohne Salz“ entstanden bereits vor über zwanzig Jahren. Sein Roman führt in die fast vergessene Welt der Heuerleute am Moor und erzählt von Menschen, die sich trotz bitterer Armut ihre Würde und ihre Hoffnung bewahren.

Beruflich arbeitet er als Fachkrankenpfleger für Psychiatrie auf einer geschützten Akutstation. Außerdem ist er Deeskalationstrainer und Trainer für Gewaltfreie Kommunikation. „Erde ohne Salz“ ist seine erste Buchveröffentlichung.

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